Stadt und Land Unter

Ärztliche Versorgung in Berlin und Brandenburg –  Das Missverhältnis zwischen Arbeitsaufwand und Entlohnung lässt Ärzte in lukrative Gebiete abwandern. Es verschärft das demografische Problem. Es hinterlässt Spuren in Großstädten wie Berlin genauso wie auf dem flachen Land.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Dr. Helmut Buhler, 68, ist am Boden. Ein Anruf aus Berlin hat ihn niedergestreckt. Am anderen Ende der Leitung war ein Arzt, einer wie er, nur viel jünger. Innerhalb von zwei Minuten wusste er, dass seine über 1000 Patienten und die beiden zuverlässigen Schwestern wieder keine gesicherte Perspektive haben werden. Keiner wird da sein, der seine Praxis in Niemegk übernimmt. Der ihm seit Monaten avisierte Nachfolger bleibt in der Hauptstadt. Alter und Krankheit machen es Buhler aber schwer, weiterhin als Landarzt zu arbeiten. „Doch die Hoffnung“, sagt er, „stirbt zuletzt.“

Buhler ist Allgemeinmediziner in Brandenburg. Laut Kassenärztlicher Vereinigung (KV) in Potsdam die Region mit der bundesweit geringsten Vertragsärztedichte. Buhler gehört zu den 29 Prozent von hier arbeitenden 1500 Hausärzten, die 60 Jahre sind und älter. Und damit zu den rund 500, die bis in fünf Jahren ihre Praxis aufgeben werden. Er wollte schon im März gehen.
Ärzte aufs Land! Das war tief in der DDR.

Als er kam, hieß es: Ärzte aufs Land! Das war tief in der DDR. Zu der Zeit, als es noch Polikliniken gab und Gemeindeschwestern. „Jetzt will man beides wieder beleben, um den Ärztemangel auszugleichen“, meint Buhler. Er kann sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Die Schwester Agnes und die Polikliniken…“

Medizinische Versorgungszentren, die neben Krankenhäusern wie Pilze aus dem Boden wachsen, seien doch nichts anderes als das, was früher schon mal da war, meint er. Doch Buhler sieht darin gleich mehrere Vorteile: Einen Anlaufpunkt für viele Patienten, Ärzte, die die moderne Technik interdisziplinär nutzen und vielleicht schon allein deshalb etwas ruhiger arbeiten können.“ Doch eine Lösung für den Ärztemangel sei das nicht. Schon gar nicht für den in der Provinz.

Anamnese steht nicht in der Vergütungsordnung

Buhler ist noch ein Landarzt der alten Schule. 70 Prozent seiner Diagnosen stellt er durch Anamnese – gezieltes Befragen und Zuhören. Die Anamnese aber stehe nicht in der Vergütungsordnung, erzählt er. Dabei sei die Kenntnis des familiären und sozialen Umfeldes oft wichtig: Scheidung, Schicksalsschläge, Arbeitslosigkeit.

Menschen ohne Arbeit gibt es viele außerhalb vom Speckgürtel Berlins. In Niemegk, der Kleinstadt mit 2200 Einwohnern, und in den Dörfern ringsum. Früher profitierte die Gegend von reichen Lehmvorkommen. Bis 1990 gab es eine industrielle Ziegelproduktion. Landwirtschaft, Töpferhandwerk und Tourismus haben in dem Landstrich Tradition.

„Es gab kein Ärzteproblem zu DDR-Zeiten“, weiß Günter Rockel. Der Amtsdirektor von Niemegk ist einer von Buhlers Patienten. „Wir hatten hier eine traumhafte Struktur“, schwärmt er. „Zwei Zahnärzte, vier Allgemeinmediziner. Alles sehr qualifizierte Leute.“ Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Zwei von noch vier Praxen werden schließen. Leider seien bis heute alle Versuche erfolglos geblieben, für seinen Doktor einen Nachfolger zu finden. „Dabei ist man wer, als Hausarzt  auf dem Land!“

Unterschriften, Ausschreibungen und Annoncen

In Sorge um ihren Doktor im Ort hatten Buhlers Patienten Unterschriften gesammelt und einen Brief an die KV Brandenburg geschrieben. Darin baten sie um Unterstützung bei der Suche nach Ersatz. Die Antwort auf das Schreiben setzte Rockel kurzerhand ins Amtsblatt. Dort lasen die Bürger dann, dass der KV keine rechtlichen Instrumente zur Verfügung stehen, ausgebildete Ärzte in die Region zu verpflichten. Ausschreibungen und Annoncen seien leider ohne Erfolg geblieben. Die von den Patienten beschriebene Situation sei kein Einzelfall in Brandenburg, sondern signifikant für viele ländlich-strukturierte Bereiche.

In Görzke, 25 Kilometer von Niemegk entfernt, könnte sich ein Landarzt ins gemachte Nest setzen, wie die Leute hier sagen. Seit März 2004 sucht Bürgermeister Jürgen Bartlog einen Nachfolger für einen Facharzt der Allgemeinmedizin. Der ortsansässige Doktor erkrankte so schwer, dass er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Plötzlich standen die 1500 Einwohner ohne einen Arzt ihres Vertrauens da, der für sie auch immer erreichbar war. Der Bürgermeister hatte die unvorhersehbare Situation damals als „Schockzustand einer ganzen Gemeinde“ wahrgenommen.

Mietfreiheit für fünf Jahre

In Absprache mit der KV und dem scheidenden Arzt schnürte er ein attraktives Geschenkpaket: kostenfreie Praxisübernahme, eine Kartei mit 900 Patienten, und Fachpersonal. Als besondere Aufmerksamkeit oben drauf gab es modernisierte, kommunale Räume, mietfrei für fünf Jahre. Der solide und seit Jahren ausgeglichene Haushalt der Gemeinde machte das möglich. Alles in allem eine Finanzspritze von etwa 150000 Euro.

Monatelang verlief die Suche ergebnislos. Auf Vermittlung der KV stellten sich dann doch zwölf Fachärzte für Allgemeinmedizin bei Bartlog vor. Nach intensiven Gesprächen mit ihnen hatte der Bürgermeister mehr als einmal den Eindruck, „dass sie von ihrem zukünftigen Wirkungsbereich hinter dem Haus eine Alpenlandschaft und davor den Kurfürstendamm erwarteten.“ Der Mann, der letztendlich nach Görzke kam, war auch schnell wieder weg. Auf dem Dorf heißt es, dass ihm das gewisse Etwas eines Landarztes, das Zwischenmenschliche, fehlte. Innerhalb von sechs Monaten verlor er die Hälfte seiner Patienten. Er meldete Insolvenz an – und  ging.

Logistikleistung: zum Hausarzt

Resignation verbreitete sich wie eine ansteckende Krankheit innerhalb der Einwohnerschaft, erzählt der Bürgermeister. Immer mehr Leute wechselten zu Allgemeinmedizinern im Umfeld bis zu 30 Kilometern. „Doch das führt zur erheblichen Mehrbelastung für den durch Krankheit ohnehin geschwächten Menschen“, ist Bartlog überzeugt. Besonders Ältere müssten entweder den ausgedünnten Personennahverkehr nutzen oder sich von Verwandten und Bekannten hinbringen und wieder abholen lassen. Das erfordere oft eine ausgeklügelte Logistik in den Familien. Auch der Kostenfaktor für weite Fahrten und mögliche Wartezeiten sei nicht zu unterschätzen.

Bis heute stehen die Praxisräume leer. Görzke ist die erste Gemeinde im Landkreis Potsdam-Mittelmark, die seit zwei Jahren ohne Allgemeinmediziner leben muss. Ein Ärztemangel, der der ganzen Region droht.

Der Ärztemangel sei kein rein ostdeutsches Problem, stellt die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) fest. Nach einer „Studie zur Altersstruktur und Arztzahlentwicklung“ werden in den kommenden fünf Jahren bundesweit über 41.000 Mediziner in den Ruhestand gehen. Davon sei die hausärztliche Versorgung in ländlichen Gebieten, besonders jedoch im Osten, betroffen. Schon heute würden in Brandenburg 56 Hausärzte fehlen.

Verteilungsproblem: Ärzte

Das Gesundheitsministerium als auch Wissenschaftliche Institute wie das der AOK (WidO) sehen hingegen ein Verteilungsproblem. Es gebe nicht zu wenig Hausärzte, sondern zu viele, die sich in großen Städten oder attraktiven Gegenden niederließen. Nach dem neusten Ärzteatlas des Instituts hat Starnberg mit 150 Prozent die bundesweit höchste Versorgungsdichte, gefolgt von Freiburg im Breisgau mit 146 Prozent und München mit 140 Prozent. In 24 Kreisen und Städten von Niedersachsen und Sachsen-Anhalt liegt der Versorgungsgrad hingegen nur zwischen 75 und 90 Prozent.

Das Wandern ist der Ärzte Lust

Und in Berlin heißt es: Das Wandern ist der Ärzte Lust. Bei der Eröffnung einer Praxis werden wohlhabendere Stadtteile wie Steglitz-Zehlendorf mit vielen Privatpatienten solchen Arbeitervierteln wie Marzahn-Hellersdorf und Neukölln vorgezogen. Die Kassenärztliche Vereinigung beobachtet diesen Trend mit Unbehagen, kann aber nichts dagegen unternehmen. „Wir können den Ärzten rechtlich nicht vorschreiben, wo sie ihre Praxis eröffnen“, erklärt KV-Sprecherin Annette Kurth. „Insgesamt haben wir keinen Mangel an Medizinern“, betont sie. Der Versorgungsgrad von Berlin, aus der Vogelperspektive betrachtet, liege bei 110 Prozent. Der Patient habe hier noch die Auswahl. Ärzte von außerhalb dürften sich in der Hauptstadt nicht niederlassen.
Bei den Honoraren bundesweit Schlusslicht

Dennoch sei die KV in Sorge. Kurth: „Den Bonus, den wir haben, ist die Stadt selbst. Aber bei den Honoraren sind wir bundesweit Schlusslicht.“ Mit 20 Prozent aller ambulant zu behandelnden HIV-und Chemotherapie-Patienten in Deutschland habe Berlin einen hohen Versorgungsbedarf, dem allerdings das Budget weit hinterherhinke. „Seit 15 Jahren bleibt der Deckel auf dem Topf“, kommentiert sie den Zustand, der Medizinstudenten nachdenklich werden lässt. Steigende Praxiskosten und viel Bürokratie verführe sie zusätzlich zur Jobsuche im Ausland.

„Ganz Berlin ist ein Armenhaus, das ist ja bekannt“, sagt  Dr. Angelika Prehn, Vorstandsvorsitzende der KV. „Die Kassen sind leer.“ Ein Medizinisches Versorgungszentrum nach dem anderen werde eröffnet. „Wir haben davon schon viel zu viele.“ Für ihre Kollegen allerdings sei es attraktiv dort zu arbeiten. „In Festanstellung bekommen sie auch ihr Geld, wenn gerade mal weniger Patienten vor der Tür stehen.“

Prehn ist Allgemeinmedizinerin in Berlin Friedrichshain. „Ich habe immer mehr Patienten, aber nicht mehr Geld“, sagt sie. Für einen Hausbesuch bekomme sie 42 Euro.

Was bekomme ich für meine Praxis?

„Der Dreh- und Angelpunkt ist doch die Frage des Honorars“, betont Ralf Herre, Sprecher der KV Brandenburg. „Seit 15 Jahren leiden wir unter Budgetierungen.“ Ärzte in Brandenburg hätten 36 Prozent mehr Patienten als im Bundesdurchschnitt, aber fast 30 Prozent weniger Einkommen. Unterm Strich arbeiten sie mehr und verdienen weniger. „Viele Ältere sehen keine Perspektive, müssen sich mit viel Bürokratie, wie neuen Abrechnungssystemen, herumschlagen“, meint Herre. Und selbst bei Berufsaufgabe stehe für sie hinter der Frage, was bekomme ich noch für meine Praxis, ein großes Fragezeichen. „Und da redet Frau Schmidt von einer Aufhebung der Altersgrenze von 68 Jahren, um den Ärztemangel zu bekämpfen. Schwachsinn“, schimpft Herre.

Lösung: bundesweit einheitliche Vergütung?

Seit Januar 2007 ist das Vertragsarztrechtsänderungsgesetz in Kraft. Danach können Ärzte in so genannten unterversorgten Gebieten ohne Altersbeschränkung weiter arbeiten. Für Herre ist das „ein völlig verfehlter politischer Ansatz. Wir brauchen endlich eine bundesweit einheitliche, angemessene Vergütung“, sagt er. „Das Problem des Ärztemangels lösen wir nur so!“

In einem Online-Forum äußert sich ein Teilnehmer, der unerkannt bleiben will. „Ich habe zumeist weniger Geld für die gleiche Arbeit“, schreibt er. Er habe weniger Perspektiven im Osten als im Westen, die soziale Infrastruktur sei an vielen Stellen durch hohe Arbeitslosigkeit äußerst gespannt.

Die Bevölkerungsentwicklung lasse ihn daran zweifeln, dass in 30 Jahren in manchen Regionen noch genügend Patienten da sein werden. „So lange muss ich nämlich arbeiten“, erklärt er. Dann verweist er auf ein Beispiel aus einer Arbeitsagentur. Eine Klinik in Plauen (Sachsen) biete ein Gehalt ab 2650 Euro für einen Assistenten. Der Forum-Teilnehmer rechnet: „durch 168 Stunden im Monat macht 15 Euro Brutto pro Stunde.“ – „Any questions?”, war seine letzte Bemerkung – im August 2005.